Flussgeschichte und ausgewählte geomorphologische Aspekte der Schwalm in Hessen

Frank Schmidt-Döhl

Abstract


Die Schwalm in Hessen ist ein rechter Nebenfluss der Eder und entwässert damit über die Fulda und Weser in die Nordsee. Sie entspringt im  Vogelsberg und durchquert bis zum Ziegenhainer Becken der  Niederhessischen Senke ein stark durch Vulkangesteine geprägtes Gebiet. Der Fluss kann daher erst nach weitgehendem Abschluss des miozänen  Vulkanismus entstanden sein. Sein grundsätzlicher Verlauf Richtung Norden wird durch die Lage der Quelle nördlich des Kulminationspunktes des Vogelsberges, die sich daran im Westen anschließende Hebungszone der Kellerwaldschwelle und der im Osten nach Norden ziehenden  Knüllhebungsachse determiniert. Der Fluss ist im Vogelsberg zunächst nur schwach eingetieft, wahrscheinlich weil er in einer Senkungszone verläuft. Der westlich der Schwalm liegende, zur Fulda abfließende Katharinenbach befindet sich außerhalb dieser Zone, ist sehr viel tiefer eingeschnitten und hat das Einzugsgebiet der Schwalm deshalb durch Verlagerung der  Wasserscheide im Zuge der Eintiefung verkleinert. Man kann vermuten,  dass sich auch die Lage der Schwalmquelle im Verlauf der Zeit aus diesem Grund nach Norden verlagert hat. Bis Storndorf liegt ein flaches Kerbtal vor, danach ein mehr oder weniger breites Sohlental. Zwischen Hopfgarten und Altenburg im Süden von Alsfeld durchbricht die Schwalm ehemals zusammenhängende basaltische Gesteine. Inmitten dieses Durchbruchstals liegt ein Knickpunkt des Flusslängshöhenprofils mit einer Vergrößerung der Steilheit unterhalb einer Höhe von ca. 287 m. Bei Alsfeld kommen die unter dem Basalt liegenden Tertiärsedimente zum Vorschein. Dort endet auch der Bereich des erhöhten Gefälles im  Flusslängshöhenprofil. Der Zufluss mehrerer Bäche hat durch die  Ausräumung von Lockersedimenten dort auch morphologisch eine Senke geschaffen. Nördlich des Tertiärbeckens von Alsfeld tritt die Schwalm in  Buntsandstein-Hochschollen ein und nimmt südlich von Heidelbach wieder  den Charakter eines Durchbruchstals an. Der Flussverlauf bis Heidelbach ist stark durch Störungen vorgeprägt. Prall- und Gleithänge sind in der Regel dem rezenten Verlauf der Schwalm zuzuordnen (Talmäander). Ab  Schrecksbach wird das Tal deutlich breiter und die vorhandenen Prall- und Gleithänge sind oftmals auf fossile Schwingungen des Flusses innerhalb der breiten Talaue zurückzuführen (freie Mäander). Viele Steilhänge entlang der Schwalm sind auch auf Prallhänge im Zuge von Einmündungen von Nebenflüssen zurückzuführen und nicht auf die Schwalm selbst. Zwischen Salmshausen und Zella liegt ein junger, ausgeprägter Umlaufberg, der mit einem mächtigen rezenten Prallhang umflossen wird. In dem Bereich zwischen Alsfelder und Ziegenhainer Becken treten zahlreiche Vorkommen von Geröllen sowie Flussterrassen auf, die Aussagen über die fossilen Verläufe der Schwalm erlauben, die im Detail von dem heutigen Verlauf abweichen. Die ausgeprägteste Struktur ist eine große Terrasse bei Holzburg. Diese Terrasse lässt den Schluss zu, dass es bei Holzburg eine große Flussschleife nach Westen gegeben hat. Mit dem Ziegenhainer Becken, einem Teilbecken der Niederhessischen Senke,  beginnt ein Abschnitt der Schwalm, der in der Vergangenheit großen Veränderungen des Flussverlaufs unterworfen war. Eine sehr auffällige Struktur in diesem Bereich ist ein großer Lavastrom vom Kessel östlich von Niedergrenzebach zumindest bis zum Galgenberg nördlich von Ziegenhain. Dieser Lavastrom ist zumindest in seinem unteren Teil mit hoher Wahrscheinlichkeit einem Flusstal gefolgt. Aufgrund der übereinstimmenden Richtung und der Größe des Tals hat es sich dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit um das Schwalmtal gehandelt, das durch den miozänen Lavastrom verschüttet wurde. Geröllfunde, die jedoch nicht besonders ausgeprägt sind, sprechen dafür, dass die Schwalm danach zeitweilig über den heutigen Pass zwischen Ziegenhain und Allendorf geflossen ist, ganz sicher ist dies jedoch nicht. Die Höhenlage der Schmidt-Döhl: Flussgeschichte und ausgewählte geomorphologische 6 Aspekte der Schwalm in Hessen Basalte im Norden von Ziegenhain, die große Höhenerstreckung der mit „bp“ gekennzeichneten Sedimente um Ascherode und das Flusslängshöhenprofil des Grenzebachs deuten darauf hin, dass es im Zentrum des Ziegenhainer Beckens von Ascherode über Ziegenhain bis Niedergrenzebach postbasaltisch eine Absenkung gegeben hat. Nachdem bereits vorher durch die Hebung der Altenburg-Landsburg-Hardt Scholle und der angrenzenden Bereiche der direkte Verlauf des Katzenbaches über den heutigen Schwalmberg und des Todenbaches durch den Schlierbacher Graben bei Treysa (heute ein  Trockental) in die Niederhessische Senke unterbunden worden war, hat die Schwalm dann entlang des fossilen Verlaufs der Wiera über den  Altstadtberg von Treysa, die ehemalige Wasserscheide Wiera-Katzenbach, den fossilen Verlauf des Katzenbaches, die ehemalige Wasserscheide Katzenbach-Todenbach und den fossilen Verlauf des Todenbaches den heutigen Flussverlauf bis südlich von Allendorf an der Landsburg eröffnet.  Sie floss von dort, wie vorher bereits der Todenbach, südlich von Allendorf in die Niederhessische Senke. Großflächige Geröllablagerungen von Loshausen über den Schafhof bei Ziegenhain und Ascherode am Gleithang  der großen Linkskurve der Schwalm im Ziegenhainer Becken zeigen den ehemaligen Flussverlauf in diesem Bereich an. Die Geomorphologie nördlich von Hephata und Geröllablagerungen zeigen, dass es zwischen Treysa und Frankenhain eine größere Flussschleife nach Westen gegeben hat. Später hat sich die Schwalm in eine nördlich des Altstadtberges von Treysa befindliche Störung tief eingegraben, die vorher von der Wiera nicht berührt wurde. Die damit verbundene Verlegung des Flusslaufs weiter nördlich sowie die Ausräumung der tertiären Lockersedimente entlang dieses Laufs führen zu dem heutigen Flussverlauf der Schwalm im Ziegenhainer Becken. Im Zuge der Verlegung des Flusslaufs nach Westen sind bei Rommershausen zwei Umlaufberge entstanden. Funde von Kalkgesteinen deuten weiterhin darauf hin, dass sich der Schlierbacher Graben südlich von Treysa fortsetzt. Geröllfunde sowie eine auf eine Terrasse hindeutende Verebnungsfläche in Dorheim zeigen, dass die Schwalm lange Zeit über den Pass zwischen Michelsberg und Dorheim nach Norden floss. Die angesprochene Verebnungsfläche, fossile Prallhänge und Geröllfunde zeigen auch, dass die Schwalm von dort zumindest zeitweilig in den Osten von Waltersbrück und durch das heute dort vorhandene Trockental zum Zimmersroder Pass geflossen ist, wo sie die aus dem Kellerwald kommende Gilsa aufgenommen hat und wieder in die Niederhessische Senke ausgeflossen ist. Wahrscheinlich durch eine erneute Absenkung des Schlierbacher Grabens wurde die Schwalm danach nördlich von Allendorf nach Westen in das Buntsandsteingebiet umgelenkt, wobei sie als Eingang in das Buntsandsteingebiet das vorhandene Tal des Schlierbachs nutzte, der vorher entlang des heutigen Schwalmtals und nördlich von Allendorf in die Niederhessische Senke entwässerte. Die Schwalm floss in zwei großen Schleifen zunächst westlich um Schlierbach herum und dann gegen die Nordwestflanke der Landsburg. Beide großen Flussschleifen haben mächtige Prallhänge hinterlassen. Nördlich von Schlierbach übernahm die Schwalm das Tal des Goldbachs, der im Zuge der Hebung der Altenburg-Landsburg-Hardt Scholle bereits vorher von seinem ursprünglichen direkten Lauf zur Niederhessischen Senke nach Osten über Dorheim, in einen Verlauf nach Norden, zur Gilsa, umgelenkt wurde. Die Schwalm überwandt also die Wasserscheide zwischen Schlierbach und Goldbach. Zunächst erreichte die Schwalm die Gilsa noch auf ihrem alten Fließweg, durch das heutige Trockental nordöstlich von Waltersbrück, am Zimmersroder Pass. Später verlagerte der Verlauf sich westlich von Waltersbrück, so dass die Gilsa bei Bischhausen erreicht wurde. Bei  Allendorf wurde die große, östlich um die Ortschaft herumführende  Flussschleife westlich von Allendorf durchbrochen. Dadurch entstand ein Umlaufberg, auf dem die Kirche von Allendorf steht. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Schwalm bereits vor dem Quartär über Schlierbach floss.  Große Veränderungen der Flussläufe hat es auch in dem Abschnitt nördlich von Waltersbrück gegeben. Dieses Tal wurde im Wesentlichen von den drei aus dem Kellerwald kommenden Flüssen Gilsa, Urff und Wälzebach  geformt. Die Gilsa floss anfänglich durch den Zimmersroder Pass zur Niederhessischen Senke, der Wälzebach durch die heutige Schwalmpforte. Beide Öffnungen blieben während der Hebung der Altenburg- Landsburg-Hardt Scholle offen. Sehr wahrscheinlich floss auch die Urff anfänglich direkt nach Osten, über Römersberg. Eine entsprechende Vertiefung zwischen Altenburg und Hohenbühl sowie Gerölle in der Nähe  von Römersberg stammen mit hoher Wahrscheinlichkeit von diesem Lauf der Urff. Die sehr hoch liegenden Gerölle bei Römersberg enthalten noch keine paläozoischen Gesteine, so dass das Deckgebirge des Kellerwaldes zum Zeitpunkt der Ablagerung dieser Gerölle noch erhalten gewesen sein muss. Die Abtragung des Deckgebirges des Kellerwaldes erfolgte  wahrscheinlich im Miozän, eventuell aber auch erst im Pliozän. Im Zuge der Hebung der Altenburg-Landsburg-Hardt Scholle wurde dieser Flusslauf der Urff unterbrochen und die Urff floss mit hoher Wahrscheinlichkeit nach Norden zum Wälzebach und zur Schwalmpforte. Gilsa und Schwalm vereinigten sich anfangs am Zimmersroder Pass, später bei Bischhausen. Durch die dadurch bedingte 90 Grad Kurve der Schwalm bei Bischhausen wurde die Wasserscheide zwischen Gilsa und Urff durchbrochen und die Schwalm nahm ihren heutigen Verlauf. Dieser ist sehr jung. Auf die Schwalm zurückführbare Strukturen beschränken sich auf wenige Meter Höhe über dem heutigen Schwalmverlauf. Die großen, deutlich sichtbaren Prallhänge im Massiv der Altenburg sowie die umfangreichen  Geröllablagerungen in dem Bereich sind auf Gilsa, Urff und Wälzebach zurückzuführen. Die extreme Asymmetrie des Schwalmtals westlich der Altenburg ist auf eine Störung am Fuß der Altenburg, die unterschiedliche morphologische Härte der Gesteine östlich und westlich der Störung, das allgemeine Einfallen nach Osten, die starke Heraushebung der Altenburg-Scholle und die seit langem anhaltende erosive Tätigkeit der Flüsse aus dem Kellerwald mit der intensiven Ausprägung von Prallhängen der Gilsa, Urff und des Wälzebaches an der Westseite des Altenburg-Massivs  zurückzuführen. Der Abschnitt östlich der Schwalmpforte verläuft durchgängig in der Niederhessischen Senke mit ihren tertiären und quartären Lockergesteinen, unterbrochen nur durch den Homberg-Fritzlaer Graben. Wahrscheinlich ist die Schwalm anfänglich am Westrand der Niederhessischen Senke Richtung Norden geflossen, bis zu einer West-Ost ausgerichteten Entwässerungsbahn, wie sie in ähnlicher Form auch heute noch existiert. Fundpunkte von Kieselschiefern, deren Ursprung im Kellerwald liegt, zeigen jedoch, dass diese Ost-West Entwässerungsbahn, zumindest zeitweilig, deutlich weiter südlich gelegen haben muss. Da in den oligozänen Sedimenten des Gebiets Kieselschiefer enthalten sind die nicht aus dem Kellerwald stammen, ist bei der Interpretation der Kieselschieferfunde und anderer paläozoischer Gesteine in dem Gebiet Vorsicht angebracht. Eine auffällige Anhäufung von paläozoischen Geröllen vor dem Homberg-Fritzlaer Graben deutet darauf hin, dass die Gesteine des Grabens als Abflusshindernis aufstauend gewirkt haben. Dieses ist auch heute noch durch die Engstelle zwischen Dosenberg und Lendorf andeutungsweise sichtbar. Man kann aus dem oben gesagten entnehmen, dass für die Flussgeschichte der Schwalm die vulkanische Bildung des Vogelsberges und seiner nördlichen Ausläufer, die Hebung der Kellerwaldschwelle und der Knüllhebungsachse, die Hebung der Altenburg-Landsburg-Hardt Scholle, der Lavastrom vom Kessel, die Eintiefung des Schlierbacher Grabens und seiner Feinstruktur und der Durchbruch zum Tal der Urff von entscheidender Bedeutung sind. Bei der Altenburg-Landsburg-Hardt Scholle kann man nicht in jedem Fall davon ausgehen, dass deren Hebung spätestens seit dem Miozän bis zum Quartär quasi kontinuierlich stattgefunden hat. Es ist genauso gut möglich, dass die Hebung in einzelnen Schüben vonstatten gegangen ist. Es ist sogar denkbar, dass die Hebung der Altenburg-Landsburg-Hardt Scholle Aspekte der Schwalm in Hessen und die Absenkung des Schlierbacher Grabens intermittierende Prozesse waren bzw. sind, beginnend mit einer Absenkung des Grabens, gefolgt von einer Hebung der Altenburg-Landsburg-Hardt Scholle spätestens im Miozän, gefolgt von einer Absenkung des Grabens und einer anschließenden weiteren Hebung der Altenburg-Landsburg-Hardt Scholle im Quartär. Umlaufberge im Schwalmtal treten insbesondere im Bereich von Flusseinmündungen auf und sind deshalb häufig an Verlagerungen von Flusseinmündungen gekoppelt.

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P-ISSN: 2193-1313, E-ISSN: 2196-3622